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Magersucht

Magersucht – wie ein Strich in der Landschaft

 Magersüchtige Mädchen wollen einfach nur sie selbst sein. Viele haben traumatische Erfahrungen in der Familie gemacht. Manche leiden unter einer zu engen Beziehung zur Mutter und wollen da raus. Doch das ist für sie nicht einfach. Denn sie spüren, wie zerbrechlich die Mutter ist. Sie kämpft vielleicht selbst mit vielen Problemen und nimmt – oft unbewusst – die Tochter völlig in Beschlag. Möglicherweise findet in der Familie auch sexueller Missbrauch statt. In solch einer engen Beziehung wissen die Töchter dann nicht, was sie tun sollen. Einerseits möchten sie ausbrechen, andererseits sind sie oft einfach noch zu jung, um von zu Hause auszuziehen, oder sie fürchten sich (unbewusst) davor, mit einer Trennung die Eltern zu verletzen. Nicht wenige Mädchen wurden als Kinder schlecht behandelt. Wenn sie größer sind, behandeln sie sich selbst schlecht. Gleichzeitig kann die Magersucht auch ein verzweifelter Versuch des Mädchens sein, sich selbst fürsorglich zu behandeln. Ein kompliziertes Problem.

Es fehlt das Gefühl der Selbstwirksamkeit

Kinder, die dominante Eltern haben, haben oft das Gefühl, dass sie nichts aus sich selbst heraus können. Sie leisten und leisten und fühlen sich doch immer abhängig. Wenn sie etwas schaffen, dann “triumphiert” ein Elternteil und vermittelt eine Botschaft wie diese: “Siehst Du, das hast Du von mir. Ich habe Dich dorthin gebracht.” Das machen die Eltern nicht böswillig. Oft sind es sogar unbewusste Botschaften. Aber sie sind bei vielen dennoch da. Nur im Hungern, da sind die Mädchen sie selbst (so fühlt es sich für sie jedenfalls an). Sie beherrschen sich. Sie sagen, wieviel sie zu sich nehmen oder wieder abgeben.

Hilfe von außen erscheint bedrohlich

Oft kommen die magersüchtigen Mädchen auf Druck der Eltern zum Psychotherapeuten. Das ist für die Mädchen in zweierlei Weise schlimm: Zum einen haben sie das Gefühl, die Eltern mischen sich ein und wollen wieder die Kontrolle über sie übernehmen. Zum anderen ist es schwer für sie, Vertrauen zum Therapeuten aufzubauen. Wer das Bild von triumphierenden oder kontrollierenden Eltern in sich hat, der kann sich kaum vorstellen, dass andere Erwachsene nicht so sind. Der Beginn der Therapie ist für die Mädchen wie die Aufgabe des eigenen Selbst. Wenn das magersüchtige Mädchen in der Therapie Fortschritte macht und sich mehr als eigenen Menschen wahrnimmt, vielleicht auch glücklicher wird, dann befürchtet es manchmal plötzlich, der Therapeut könnte über sie triumphieren. Dass er das nicht tut und sich vielleicht einfach nur zusammen mit dem Mädchen freut – als Verbündeter, ohne zu kontrollieren – das können sich viele Mädchen nur sehr schwer vorstellen. Auf der anderen Seite kann der merkliche “Fort-schritt” des Kindes auch die Eltern “erschrecken”. Sie bekommen Angst vor der Veränderung und beginnen möglicherweise, die Therapie zu stören. Manchmal nehmen sie dann das Kind auch wieder aus der “unnützen” Therapie wieder heraus.

Das Dilemma

Die Patientinnen haben es also auf vielen Ebenen schwer. Wenn sie sich von der Mutter trennen, tun sie ihr weh. Dieser Gedanke ist manches Mal da, jedoch unbewusst. Wenn sie sich vom Therapeuten helfen lassen, haben sie das Gefühl, wieder unselbstständiger zu sein. Sie fühlen sich erneut gefangen. Andererseits sind sie mit den selbstauferlegten Hungergesetzen Gefangene ihrer selbst. Der Gehirnstoffwechsel leidet und die Kommunikation mit dem eigenen Körper ist gestört. Sie hassen sich dafür. Deswegen ist die Therapie der Magersüchtigen oft so schwierig. Das Problem ist, dass das Mädchen wirklich eine Zeit lang die Hilfe des Therapeuten annehmen muss, um dann unabhängig aus dieser Therapie herauszugehen.

Musterkinder

Viele betroffene Mädchen sind Musterkinder, die überaus angepasst an die Umgebung sind. So angepasst, dass sie sich fast darin auflösen. Wie ein Strich in der Landschaft wandern sie umher. Weil sie möglicherweise uneinfühlsame Eltern hatten, hat sich ihr “Ich” vorzeitig entwickelt, um mit ihrer Umwelt fertig zu werden. Sie fühlen sich oft ausgeliefert und ineffektiv. Sehr häufig haben sie ein gestörtes Körperbild und empfinden sich als weitaus “dicker” als sie sind. Sie sind überdurchschnittlich intelligent und sehr verletzlich. In ihnen ist eine ungeheure “Sehn-Sucht” – nach Wärme und Geborgenheit, in der sie sich selbst nicht aufgeben müssen. Sie wirken kindlich und hilflos, sind aber gleichzeitig sehr differenziert.

Bloß nicht werden wie die Mutter

Viele betroffene Mädchen haben Angst davor, wie sich ihr Körper verändert. Da passieren Dinge in der Pubertät, die man nicht steuern kann. Mit Erschrecken stellen die Mädchen fest, dass sie weiblicher werden. Sie wollen das Ganze aufhalten und Herr über ihren eigenen Körper sein. Sie fangen an zu hungern. Die Regelblutungen bleiben irgendwann aus (Amenorrhoe). Sie laufen wie auf Stelzen. So werden wie die Mutter wollen sie auf keinen Fall. Denn die lässt sich vielleicht “hängen” oder vom Vater runterputzen. Oder die Rollen sind umgekehrt verteilt. Wie auch immer: Das ideale Ich ist ein unabhängiges, dünnes, geschlechtsloses Wesen.

Essen ist Kommunikation

Das Fläschchengeben oder das Stillen gehört zu den frühesten Formen der Kommunikation zwischen Mutter und Kind. Für beide hat das Thema “Nahrung” große Bedeutung. Sowohl die wirkliche Nahrung als auch die “psychische”. Kann die Mutter gönnen, oder verweigert sie dem Kind vieles? Hat sie selbst das Gefühl, gut ernähren zu können oder ist sie ständig darum besorgt, dass ihr Kind genug bekommt? Diese Fragen begleiten die Mütter manchmal so lange, bis die Kinder erwachsen sind (“Nun iss doch, Kind!&rdquo.

Schuldgefühle verbieten dem Mädchen, sich von den Rosinen zu nehmen

Viele Mädchen haben große Schuldgefühle. Manche Mädchen fühlen sich dafür schuldig, dass der Vater übergriffig oder alkoholkrank ist, oder dass die Mutter depressiv ist. Diese Mädchen strafen sich mit der Nahrungsverweigerung selbst. Sie meinen, sich nichts von den Rosinen des Lebens nehmen zu dürfen. Sie sind oft angepasst und glauben, dass sie nicht “zubeißen” dürften. Sie verbieten sich nach außen hin jegliche Aggression. Und richten die Aggression gegen sich selbst, indem sie hungern. Manchmal klauen sie Nahrungsmittel, horten sie und lassen sie wieder verfallen. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Oft wird die Askese wie eine Reinigung von Schuld und Last erlebt. Die Mädchen wollen lieber die schönen Dinge “auskotzen” als “auskosten”.

Aufnehmen und Hergeben

Essen und wieder Ausscheiden sind bei Gesunden ein organisches Aufnehmen und Hergeben. In der Phantasie können viele Dinge aufgenommen und hergegeben werden. Daher kann die Nahrungsverweigerung symbolisch für viele unbewussten Phantasien stehen. “Ich habe Dich zum Fressen gern”, sagen wir manchmal. Manches Mädchen hat unbewusst das Gefühl, mit etwas zu verschmelzen oder “die Mutter” in sich aufzunehmen, wenn sie isst. Sie würde dann ohne Grenzen mit der Mutter zusammensein und sich selbst dabei verlieren. Dann finden sie die Mutter lieber zum “Kotzen”. Andere Mädchen haben die unbewusste Phantasie, dass das Aufnehmen bei der Frau auch bedeutet, den Geschlechtsakt aufzunehmen. Den Samen aufzunehmen und dick, also schwanger zu werden und hinterher ein Kind zu gebären. Manche Mädchen wiederum werden sexuell missbraucht und setzen die Aufnahme des Essens mit der Aufnahme des Penis in den Mund gleich. Im Laufe psychoanalytischer Therapien kommen solche angstbesetzten Phantasien und schrecklichen Realitäten zutage. Wenn die Ängste bearbeitet werden, wenn die Lebensbedingungen der Mädchen verändert werden können, wenn das Mädchen in der Beziehung zum Therapeuten ein stärkeres (Liebes-)Gefühl für sich selbst entwickelt, wenn die Erfahrung von Trennung gemacht werden kann und das Mädchen gute Bindungen aufgebaut hat, dann verliert die ungute Beziehung zum Essen an Bedeutung.

Erfahren statt Lesen

Jede Patientin hat ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Ängste und Phantasien. Darum können es Ratgeber oder Artikel über die Erkrankung niemals schaffen, eine Veränderung zu bewirken. Jede Betroffene muss selbst im Gespräch “erfahren”, welche Nöte hinter der Erkrankung stecken. Man kann noch so viele Anatomiebücher lesen und den Aufbau von Knochen, Muskeln und Nerven kennen. Laufen lernt nur, wer selbst läuft.

Verläufe

So unterschiedlich wie die Betroffenen, so sind auch die Verläufe der Erkrankung. Es gibt vorübergehende “anorektische Reaktionen”, bei denen wenige therapeutische Gespräche ausreichen, um die Probleme zu lösen. Es gibt aber auch Verläufe, die tödlich enden. Die meisten Geschichten liegen wohl irgendwo in der Mitte. Die eigene Motivation, das Umfeld und die Qualität der Therapie haben Einfluss auf den Verlauf. Auf jeden Fall braucht es sehr viel Geduld, oft über Jahre. Die meiste Geduld brauchen die Patientin und der Therapeut in ihrer Zusammenarbeit.

Es geht nicht um verlerntes Essverhalten

In einer psychoanalytischen Therapie geht es in erster Linie nicht darum, das Essen zu kontrollieren oder “Erfolge” beim Essverhalten auszumachen. Denn Hungern, Essen und Abführen sind wichtige Kontrollmechanismen der Patientinnen. Sie sind ja die “Lösung”, die sie selbst erst einmal gefunden haben, um mit ihren Spannungen umzugehen. Gerade wenn Fortschritte anstehen, greifen die Frauen auf dieses eigene Mittel zurück, um mit den Veränderungen zurechtzukommen. Es sind also nicht unbedingt “Rückschritte”, wenn sich die Essstörung wieder verstärkt.
“Schulungen” zum “richtigen Essen” mögen manchmal nützlich sein, sind aber sehr oft fehl am Platz, denn viele Patientinnen wissen sehr wohl, wie die “richtige” Ernährung aussähe. Gerade sie sind sehr oft Expertinnen für gutes Essen und beköstigen andere nach höchsten Maßstäben. Nicht selten kommen die Mädchen “aus gutem Hause”, kennen das Essen “bei Tisch”, haben das Wissen über Vollkornprodukte und eine ausgewogene Ernährung. “Belehrungen” über richtiges Essen empfinden die Betroffenen oft als Bedrohung und/oder als Nicht-Anerkennung ihres oft sehr guten Wissens über die Ernährung.

Auslöser

Es gibt unzählige Auslöser für die Magersucht. Manchmal reichen abfällige Bemerkungen über die Figur der Mädchen in der Pubertät – sehr oft in Zusammenhang mit einem unguten Familienklima. Auch der erste Kontakt zum anderen Geschlecht und der Austausch von Zärtlichkeiten können so verunsichern, dass eine Magersucht ausgelöst wird. Doch das alleine reicht nicht. Schaut man genauer, findet man fast immer Zusammenhänge, die die Schwierigkeiten der Mädchen hier erklären können.

Magersucht und Bulimie

Magersucht ist die Sucht, mager zu sein. Auch wenn es viele Ähnlichkeiten zur Bulimie (“Fress-Brech-Sucht&rdquo gibt, so sind die dahinterliegenden Konflikte doch oft anders. Aber natürlich gibt es Übergänge. Der Begriff “Bulimarexie” steht für eine Mischform zwischen Magersucht und Bulimie.

Wissenschaftliches

Der Fachausdruck für Magersucht ist “Anorexie” und leitet sich vom Griechischen “orexis”, also “Verlangen” ab. “Anorexie” heißt wörtlich “ohne Verlangen, Appetitlosigkeit”. Nach dem Diagnoseschema DSM-IV gibt es verschiedene Formen der Magersucht. Der asketische Typ (Restricting Type) will ausschließlich durch Hungern das Gewicht minimieren. Der hyperorektische Typ achtet auf kalorienarme Ernährung und nimmt Abführmittel (Laxanzien) oder Entwässerungstabletten (Diuretika) ein. Frauen diesen Typs sind ständig in Bewegung. Der Hunger quält die Betroffenen sehr, oft haben sie Heißhungeranfälle. Manche Patientinnen geben ihnen anfangs nach und erbrechen dann (Binge-Eating/Purging Type). Diese Form wird auch Bulimarexie genannt. Andere ignorieren das Heißhungergefühl.

Meistens sind Frauen betroffen

95% der Anorexie-Erkrankten sind Frauen, daher ist im Text auch von ihnen die Rede. Betroffene Jungen und Männer können sich dennoch angesprochen und motiviert fühlen, eine Psychotherapie zu beginnen. Seit 1975 nimmt die Erkrankung ständig zu. Sehr häufig sind Mädchen und Frauen aus gehobenen sozialen Schichten betroffen. Die Anorexie ist eine Erkrankung der Industrienationen, die oft in der Pubertät auftritt. Nicht selten stecken auch Missbrauchserfahrungen dahinter. Manche Betroffene leiden lange unter der Magersucht. Doch bei vielen heilt sie auch aus.

 

24.1.14 21:49
 


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